PRESSE

Auf Erneuerungskurs:

Österreichische Hörspieltage erstmals in Hainburg an der Donau

Von Angela di Ciriaco-Sussdorff

Im Laufe ihrer über vierzigjährigen Geschichte haben die österreichischen Hörspieltage mehrfach den Ort gewechselt. Ins Leben gerufen wurden sie Anfang der siebziger Jahre von dem Autor Jan Rys in Unterrabnitz im Burgenland. Jan Rys, ein zu Lebzeiten sehr bekannter und geschätzter Autor, hatte genügend kollegiales Potential, um anderen Autoren und Autorinnen aus dem Hörspielbereich eine Plattform zu geben, auf der mit Ausdauer über fertige Produktionen wie auch über Lesungen noch unfertiger Texte diskutiert, beraten und gestritten werden konnte. Ein Hauch von Anarchie wehte damals, Textarbeit begleitet von burgenländischen Spirituosen umwehte die Beiträge der Eingeladenen. Danach fanden die Hörspieltage auf Initiative des Literaturchefs des ORF-Landesstudios Burgenland Günter Unger in Rust am Neusiedler See statt. Auch das ein locus amoenus, ein von klappernden Störchen und heftigen literarischen Ambitionen belebter Tagungsort. Nach einem Jahr Unterbrechung wurden sie von dem Theater- und Hörspielautor Helmut Peschina weitergeführt, zuerst in Horn und danach, ab 2004, in Berging bei Neulengbach in Niederösterreich. Peschina, geschätzter Bearbeiter klassischer Stoffe und Präsident des Verbandes der österreichischen Dramatikerinnen und Dramatiker setzte sich vehement und erfolgreich für die Fortführung der Tagung ein und leitete sie sieben Jahre lang, bis der Schriftsteller und mehrfach ausgezeichnete Dramatiker Robert Woelfl ab 2012 ebenfalls mit Sachkenntnis und Diplomatie übernahm. Unterstützt wird er dabei unter anderem von Regisseur Götz Fritsch, dem Altmeister der Szene und dem immer wieder passioniert für junge Talente eintretenden Klangzauberer und Komponisten Peter Kaizar.

Gefördert werden die Hörspieltage nicht mehr vom österreichischen Rundfunk ORF, sondern der Kunstsektion des österreichischen Bundeskanzleramts, dem Land Niederösterreich und der Verwertungsgesellschaft Literar Mechana sowie dem Verband der österreichischen Dramatikerinnen und Dramatiker.

In diesem Jahr nun haben diese Hörspieltage ein neues Domizil in Hainburg an der Donau gefunden, östlich von Wien gelegen, kurz vor der slowakischen Grenze. Mit der dort 1723 gegründeten Tabakmanufaktur sollte seinerzeit die mittelalterliche, stark bewehrte Stadt unterstützt werden, die durch die Türkenbelagerung schwer getroffen worden war. 2001 wurde aus der Manufaktur nach wechselvollem Schicksal die „Kulturfabrik“ unter der Ägide des Landes Niederösterreich und aus dem gegenüberliegenden, imposanten Minoritenkloster ein gut geführtes Tagungshotel.
Nach den idyllischen und unkompliziert- charmanten Tagungsorten der Vorjahre können sich nun die Hörspielmacher in einem eher klassischen Ambiente mit klaren Baulinien, Donaublick und einem genius loci bewegen, der einen ganz eigenen Einfluss auf die Tagung zu haben scheint. Womöglich wird sich das in den nächsten Jahren ändern, aber in diesem ersten Jahr in der „Kulturfabrik“ wehte ein etwas strengerer, aber auch disziplinierter Geist, von dem Viele angetan waren – wenn er auch bei Manchen die Sehnsucht nach den Wiesen von Berging, Rust und Unterrabnitz aufkommen ließ. Doch die Zeiten haben sich geändert. Auch das Konglomerat von Individualisten, das die Tagung kennzeichnet, muss sich dem stellen. Bemerkt wird dies von den Teilnehmern – die ja alle Spezialisten dieses Medium sind – gleich zu Beginn: Etwas bisher für selbstverständlich Gehaltenes fehlt . Nichts Künstlerisches, aber etwas für die Wirkungskraft einer solchen Tagung Unerlässliches: Es fehlen die Vertreter der deutschsprachigen Rundfunkanstalten. Der ORF hatte mit Dr. Kurt Reissnegger den Leiter des Bereichs Literatur und Feature entsandt, dessen Kennerschaft auch im Hörspielbereich unbestritten ist. Die ARD-Sender schickten Jakob Schumann, verantwortlich für Krimis beim Deutschlandradio Kultur, 1987 geboren, vom Theater kommend und voller Interesse für den Hörspielbereich. Alle anderen Sender, auch die der deutschsprachigen Schweiz, hielten sich mit der Entsendung von DramaturgInnen zurück.

Zweifellos ist der Werkstattcharakter von jeher ein Merkmal dieser Hörspieltage gewesen. Wichtig für Alle, die als freie Kreative in diesem Medium tätig sind – sei es als AutorInnen, als RegisseurInnen und KomponistInnen – ist Austausch und Anregung, auch heftige Kritik. Aber selbstverständlich haben solche Tagungen mehr oder weniger offen den Charakter einer Börse. Man hofft und möchte die fertige Produktion in den Programmen der Sender unterbringen. Die Informationen hierzu bringen die festangestellten RedakteurInnen bzw. DramaturgInnen mit in ihre Rundfunkanstalten mit. Außerdem lernen sie die Macher kennen; sie bekommen ein Gesicht, neue Projekte können verabredet werden – der redaktionellen Fantasie wären hier keine Grenzen gesetzt wenn – ja wenn – überhaupt jemand (bis auf die beiden Genannten) anwesend gewesen wäre und hoffentlich im nächsten Jahr wieder sein wird. Man darf dabei nicht vergessen, dass selbst festangestellte RedakteurInnen Gäste der einladenden Organisationen sind. Den Sender kostet das quasi nichts, allenfalls einen einzigen Arbeitstag der Freistellung, denn die Hörspieltage finden immer von Donnerstag (Feiertag) bis Sonntag statt. Ein kleines „Opfer“, sollte man meinen, für die Arbeitgeber.

Das Hörspiel ist ja nach wie vor ein gerne gezeigtes Feigenblatt der Sender, wenn es um Finanzen geht und der Kulturauftrag der Rundfunkanstalten belegt werden muss. Dann wird es flugs aus dem Ärmel geschüttelt und die „einzige genuine Kunstform des Radios“ mantrahaft beschworen. Ansonsten zerhackt man (etwa im WDR) große Produktionen auf Miniformat von 30 Minuten. Und hat sogar die Unbekümmertheit, dies als kulturtragende Maßnahme zu verkaufen. Einige Sender haben insgesamt ihr Hörspielprogramm zurückgesetzt, Sendezeiten werden eingedampft ; in Rente gehende Redakteure werden häufig nicht nachbesetzt. Nicht nur Einer der knapp 50 Teilnehmer hörte da ein Totenglöcklein bimmeln. Aber so weit ist es noch lange nicht. Das Hörspiel hat sich in vielen Dekaden von manchen Tiefs erholt und wieder Aufschwung genommen. Vor allem war und ist es ein Probelabor für viele junge Talente, die sich ihrerseits natürlich auch und vor allem an ein jungen Publikum wenden, das ganz offensichtlich nicht nur in Twitter et al. versanden möchte. Umso mehr sollte eine Neuerung der diesjährigen Hörspieltage intensiviert werden: man möchte das Biotop der Medienlandschaft für ein breiteres Publikum öffnen. Die Klagenfurter Bachmanntage könnten hierfür als Blaupause dienen.
Wie in den Jahren zuvor stellten sich die Hörspielmacher hier dem Fachpublikum von Kolleginnen und Kollegen. Jeweils 3 bis 4 Einreichungen pro Halbtag – ein strammes Programm also – wurden gemeinsam gehört, begleitet von wechselnden, fachkundigen Moderatoren. Eine Besonderheit nämlich blieb erhalten, die auf den Autor und Gründer der ersten Hörspieltage, Jan Rys zurückgeht. Er erfand, von Slivovitz gestärkt, einen undotierten Preis, dem er den skurrilen Fantasienamen „Slabbesz“ gab. Was immer das heißen mag – der „Slabbesz“ ist eine Freude für jeden, der ihn mit nachhause nehmen darf. Eine CD mit der Aufnahme der ausgezeichneten Produktion mit anschließender Diskussion dient als „Kokarde“. Auch das ein kleines Beispiel dafür, wie Erfindungsreichtum pekuniären Mangel ersetzen kann. Allerdings wäre es sinnvoll, diesen Preis wieder mit mehr Bedacht zu verleihen. Diesmal wurde er an über die Hälfte der Tagungsbeiträge vergeben, wodurch sich wiederum keine Produktion nennenswert von den anderen absetzte. Weniger wäre hier mehr gewesen. Die Tagungsleitung wird dies sicherlich überdenken, um dem Preis zukünftig und über den Rahmen der Hörspieltage hinaus mehr Ansehen zu geben. Dies wiederum ist wichtig, um der Tagung als Ganzem in der Wahrnehmung der deutschsprachigen Rundfunkanstalten und der Hörer das ihr zustehenden Gewicht zu geben.

Veröffentlicht in der Medienkorrespondenz am 23.5.2018

www.medienkorrespondenz.de

 

.

.